Klavierunterricht für Groß und Klein

Diesen Text habe ich im Blog von Elissa Milne gefunden. Sie ist eine wunderbare Pianistin und Klavierlehrerin aus Australien. Hier können Sie es im Original lesen: http://elissamilne.wordpress.com/

Mit ihrer Erlaubnis fange ich heute damit an, das „Manifestum“ zu übersetzen. Viel Spaß beim Lesen!

 

people-316500__180

Wofür braucht man Klavierunterricht?

1. Klavierunterricht ist dafür da, um zu lernen, wie man coole Sachen auf dem Klavier macht.

Bereits in den ersten Stunden kann man solche Coole Sachen machen:

– Bekannte Melodien spielen

– Glissandi spielen

– Das rechte Pedal benutzen

 

Später, wenn man mehr gelernt hat, kommen viele andere Möglichkeiten dazu, zum Beispiel:

– Melodie und Begleitung im richtigen Verhältnis zueinander spielen

– Zwei Stimmen mit einer Hand spielen

– Tonalität und Modulation beherrschen

– Unterschiedliche Begleitmuster erkennen und spielen lernen, nach Noten und nach Gehör

– Unterschiedliche Akkorde und Akkordreihen bilden lernen

– Eine chromatische Tonleiter spielen lernen – schnell!

– Tonleiter in Parallelbewegung, in Gegenbewegung, in Terzen und Sexten spielen

– Pianistische Artikulation einsetzen und dadurch differenzierter spielen können

Was das Repertoire angeht:

– Musikstücke spielen, die unsere Familie und Freunde gerne hören

– Neue Stücke leicht erlernen können

– Mit anderen Musikern musizieren

– Mit Freunden musizieren

– Gesang auf dem Klavier begleiten

 

2.  Wir brauchen Klavierunterricht, um  die Möglichkeiten des Klaviers zu erforschen, und wie wir sie nutzen können, um unsere Wünsche und Vorstellungen zu verwirklichen.

Das ist nicht dasselbe wie „die coolen Sachen zu machen“ im Punkt 1. Dort ging es darum, was wir alles auf dem Klavier machen können. Hier dagegen geht es um etwas anderes: Sich selber mittels des Klaviers ausdrücken zu können. Das zeigt sich, zum Beispiel, im Drang des Schülers eigene Musik zu komponieren, bekannte Musik zu variieren und auf eigene Weise zu spielen, oder sich selber neue Stücke zum Spielen auszusuchen, oder die alte, bekannte Musik nicht für den Lehrer zu spielen, sondern einfach weil es ihm gerade danach ist. In anderen Worten, es geht hier darum, eine gewisse Autonomie zu entwickeln, das Instrument sich innerlich anzueignen und zum Teil des eigenen Lebens zu machen.

 

piano-286036__180

 

3. Klavierunterricht hilft uns, andere Menschen besser zu verstehen.

Erstens, wir lernen, Musik von Anderen zu spielen. In jedem Klavierunterricht wird am allermeisten die Musik gespielt, die andere Menschen komponiert haben. Sie spielen zu lernen, erlaubt angehenden (genauso wie gestandenen) Pianisten in die Welt der Gefühle und Ideen der Anderen einzutauchen. Es ermöglicht einem Klavierspieler sehr intime Einsichten in die Seele des anderen Menschen.

Zweitens, wir lernen, mit Anderen gemeinsam zu musizieren. Dabei können wir erleben und verstehen, wie die anderen Menschen kommunizieren, wie sie sich äußern, wie sie ihre Gefühle ausdrücken, wieviel Geduld sie haben, wie neugierig sie sind, wie sie „ticken“ in unterschiedlichen Situationen. Auf diese Weise entsteht tiefes Verständnis für die Anderen und enge Beziehung zu ihnen – Mitschülern, Lehrern und Menschen, die man nie persönlich kennengelernt hat.

 

4. Wir brauchen Klavierunterricht, um uns selber besser zu verstehen.

Das geschieht auf mehreren Wegen. Zwei von ihnen möchte ich näher erläutern.

Musik wirkt direkt auf unsere Gefühle (sogar dann, wenn wir geistesabwesend durch ein Einkaufszentrum spazieren, und schon sehr deutlich in einem Horror-Film). Wenn wir aber selber musizieren, dann vervielfacht sich diese Wirkung. Wenn wir ein Musikinstrument spielen, dann ist Musik in unserem Körper, dann hören wir das, was wir durch unseren Körper selber entstehen lassen.  Unsere eigene Finger  rufen Freude, Trauer, Beruhigung oder Begeisterung hervor. Wenn wir Klavier spielen lernen, lernen wir gleichzeitig, welche Gefühle wir auf dem Instrument ausdrücken wollen, wie genau wir unseren emotionellen zustand ändern können, und wie das, was wir tun, die Gefühle der Anderen beeinflussen kann.

Das Prozess des Lernens, ein Musikinstrument zu spielen (besonders Klavier, wo man keine Begleitung braucht), erfordert eine ganz besondere Fähigkeit: Man strebt nach der Schönheit, nach der Perfektion, und doch muss man die Unvollkommenheit des eigenen Spiels zu akzeptieren. Es gibt keine makellose Vorführung, und es gibt immer Raum für Änderungen und Verbesserungen. Wenn es nicht sehr gut klappt, kann man keinem Anderen die Schuld geben, und wenn die Aufführung glänzend gelingt, liegt das auch nur an dem Interpreten selbst. Der Schüler lernt viel über sich selbst: Was ist seine Beziehung zu Perfektion/Imperfektion? Wie bewältigt er Herausforderungen und emotionellen Druck? Wie gut kann er kurz-, mittel- und langfristige Ziele erreichen? Dazu kommen viele anderen Facetten individueller Eigenschaften im Erleben von Erfolg und Misserfolg.  Viele Eltern sind der Meinung, dass allein deswegen ihre Kinder Klavierunterricht nehmen müssen.

 

5. Wir brauchen Klavierunterricht, um die Welt besser zu verstehen.

Musik bietet uns einen direkten Weg zu den anderen Zeiten und Orten. Sie ist sogar ein sehr effektiver Weg! Musik zu hören kann man mit einem passiven, touristischen  Besuch im fremden Land vergleichen. Selber Musik zu spielen bedeutet eine viel intimere Nähe, eine echte Teilnahme am Leben anderer Kulturen in allen Ländern und auf allen Kontinenten in der großen weiten Welt.

 

6. Klavierunterricht ist ein gutes Training für unseren Körper, Intellekt und Emotionen gleichzeitig.

Es ist bereits wissenschaftlich erwiesen, dass solange man regelmäßig Klavier spielt, sein IQ wachst um 7 Punkte (allerdings, wenn man für Monate oder Jahre damit aufhört, verliert man die gewonnene Punkte wieder).  Die Ursache dafür ist, dass nichts anderes in der Welt aktiviert unser Gehirn so umfangreich, wie das Spiel auf einem Musikinstrument. Mit der Entwicklung der Neurophysiologie konnte man feststellen, das unterschiedliche Tätigkeiten konkrete, klar definierbare Stellen im Gehirn in Anspruch nehmen. Für das Musizieren dagegen wird das gesamte Gehirn gebraucht. Anders gesagt, unser Gehirn ist musikalisch – das ganze Gehirn!

 

7. Klavierunterricht hilft uns, uns zu ändern.

Alles obengenannte in Verbindung mit der Erfahrung, sich selber (immer) besser ausdrücken zu können, das alles gibt uns die Möglichkeit, unendlich viel zu lernen – über uns selbst, über anderen Leute, über die Welt um uns herum und weit über den Grenzen unserer unmittelbarer Wahrnehmung. Dieses Wissen verändert uns. Außerdem, mit jedem neu erreichten musikalischen Ziel, mit jeder erfolgreich bewältigten musikalischer Herausforderung ändert sich etwas in der Art und Weise, mit der wir unsere Lebensziele und Herausforderungen des alltäglichen Lebens meistern. Es ist nicht einfach nur Selbstvertrauen, wir wissen, was wir alles erreichen können, wenn wir uns etwas vornehmen.

 

star-198081__180

 

8. Klavierstunden bereiten Freude!

Das ist die Freude, auf dem Klavier zu musizieren, mit jede Woche/Monat/Jahr immer besser spielen zu können; die Freude, die andere Menschen empfinden, wenn sie unserem Spiel zuhören; die Freude des gemeinsamen Musizierens. Die Freude des Entdeckens, die Freude des Sieges, wenn wir unser Ziel erreichen; die Freude, uns auf dem Klavier auszutoben; die Freude, besonders subtil spielen zu können. Wenn Klavierunterricht uns nicht wenigstens ein paar dieser Freuden bringt – können wir ihn dann wirklich für irgendwas gebrauchen?

 

(Die Bilder stammen von pixabay.com)